Ken Larson - Papers on Shakespeare Reception
[These quotations were distributed to the audience as a handout before the talk.]
[1] Gewiß ist, daß wir ihn [Shakespeare] durch Fleiß und Liebe, so gut wie England unseren Händel, uns erobert haben.... Diese Würdigung des britischen Dichters ist im Grunde eine nothwendige Ergänzung meiner Geschichte der deutschen Dichtung. Denn Shakespeare ist nach Verbreitung und Wirkung, fast mehr als irgend Einer unserer gebornen deutschen Dichter, ein deutscher Dichter geworden.
-- G. G. Gervinus, Shakespeare, (Leipzig: Engelmann, 1849-50) 1: ix (2. Aufl., 1850), 4: v-vi.
[2] Shakespeare ist uns kein fremder Dichter; er ist unter allen alten und neuen Dichtern des Auslandes bei uns nicht allein der populärste, er ist auch mehr, als es irgend ein anderer hat werden können, ein Eigenthum des deutschen Volks geworden, in welches England sich mit uns theilen muss.
-- August Koberstein, "Shakespeare in Deutschland," Shakespeare Jahrbuch 1 (1865): 2.
[3] Ich brauche nicht von Neuem zu zeigen, was Andre bereits besser gethan als ich es vermöchte, dass wir ein gutes vollgültiges Recht besitzen, Shakespeare für einen deutschen Dichter zu erachten.... [W]ir wollen den Engländer Shakespeare gleichsam entenglisiren, wir wollen ihn verdeutschen, verdeutschen im weitesten und tiefsten Sinne des Worts, d. h. wir wollen nach Kräften dazu beitragen, dass er das, was er bereits ist, ein deutscher Dichter, immer mehr im wahrsten und vollsten Sinne des Worts werde.
-- Hermann Ulrici, "Jahresbericht [des Präsidenten]," Shakespeare Jahrbuch 2 (1867): 2, 3.
[4] Gewiß wird England dereinst aus seinem geistigen Schlaf erwachen.... Wir Deutsche aber, auf die Shakespeare vor dreihundert Jahren mit Ironie herabblickte, sind seine treuesten Söhne geworden. Seine Landsleute haben sich aus seinen geistigen Bahnen entfernt, wir sind in dieselben eingetreten.... Wir haben uns Shakespeare erobert, er ist unser, er ist deutsch-national geworden.
-- Wilhelm Oechelhäuser, "Die Würdigung Shakespeare's in England und Deutschland," Shakespeare Jahrbuch 20 (1885): 67 [Vortrag im April 1869].
[5] Seht, heut' gesellt, im heil'gen Bund der Dritte,
Zu Deutschlands Dioskuren sich der Brite,
Auch er ist unser, so ruf' ich jubelnd aus,
Am Shakespeare-Fest im Goethe-Schiller-Haus!
-- Franz Dingelstedt, aus dem Prolog zu seinem Shakespeare-Zyklus in Weimar (1864); zitiert nach Käthe Stricker, "Deutsche Übersetzungen...," Shakespeare Jahrbuch 92 (1956): 46.
[6] [Auf die Frage, ob es patriotisch ist, einem fremden Dichter eine Gesellschaft zu gründen] ...nicht um Göthe und Schiller in den Schatten zu stellen und die deutsche Dichtung aus ihrer eigenthümlich deutschen Bahn abzulenken, heben wir Shakespeare auf den Schild...sondern damit er im Verein mit Schiller und Göthe, im Verein mit allen ihnen verwandten Geistern die deutsche Poesie, die deutsche Kunst, die deutsche Schöpferkraft befruchte und eine neue, schönere Blüthezeit heraufführen helfe. Dieser Zweck, meine ich, ist wahrhaft patriotisch...
-- Hermann Ulrici, "Jahresbericht [des Präsidenten]," Shakespeare Jahrbuch 2 (1867): 4.
[7] [Die Deutsche Shakespeare-Gesellschaft] pflanzte ihr Reis mitten in den klassischen Hain echt deutschen Geisteslebens, dicht neben die Dichtergräber Schiller's und Göthe's.... Schiller und Göthe zur Seite zog er triumphirend bei uns ein durch das goldene Thor, welches ihm Schlegel und Tieck gebaut.... Als Dritter im Bund mit Schiller und Göthe, der Adoptivsohn deutschen Geistes, so und nicht anders feiern wir ihn.
-- Wilhelm Oechelhäuser, "Die Würdigung Shakespeare's in England und Deutschland," Shakespeare Jahrbuch 20 (1885): 55, 56, 67. [Vortrag im April 1869]
[8] Einestheils empfangen wir die sichere Grundlage für eine Herstellung des wirklich authentischen Textes eines der bedeutendsten Werke unserer klassischen Literatur — denn als ein solches vindicirt der Verfasser mit Recht die Schlegel'sche Shakespeare-Übersetzung.
-- W[ilhelm] H[ertzberg], Rezension von Michael Bernays' Zur Entstehungsgeschichte des Schlegel'schen Shakespeare, Shakespeare Jahrbuch 8 (1873): 348.
[9] Der ächte Dichter, in Shakespeare's Geist und Sinn, der solche Ethik lehrt, lehrt eben damit auch das Volk zu wollen und zu handeln.... Der ächte Dichter wirkt daher mächtig mit zu jedem grossen Aufschwunge seines Volkes.
-- Hermann Ulrici, "Jahresbericht [des Präsidenten]," Shakespeare Jahrbuch 2 (1867): 7.
[10] Wenn früher kein Vorwurf öfter gegen die Deutschen erhoben wurde, als daß sie des nationalen Selbstgefühls entbehren, zum Ausländischen neigen sollten, so dürfen wir jetzt sagen, daß er uns weder auf dem politischen noch dem Gebiete der Wissenschaft und Kunst, seit Lessing's Zeiten wenigstens, mit Recht träfe. Mit Stolz und Selbstbewußtsein würdigen wir unsere herrliche nationale Literatur, verehren wir die Heroen deutschen Geistes.
-- Wilhelm Oechelhäuser, "Die Würdigung Shakespeare's in England und Deutschland," Shakespeare Jahrbuch 20 (1885): 54. [Vortrag im April 1869]
[11] Wie ist in der Zeit, da unsre Literatur eine neue Jugend erlebte, da in ihrem Stamme der Saft mächtig zu steigen, in ihre Aeste einzuschießen begann, da alles Große sich vorbereitete, was unser Stolz ist und so lange allein unsern nationalen Werth bezeichnet hat, wie ist in dieser Zeit der große Gast, den wir jetzt wie einen der Unsern betrachten, empfangen worden, wie hat sie ihn verstanden und gewürdigt...? Das Epochenjahr dieser goldenen Zeit ist das, welches im nächsten Jahrhundert die entscheidende Wendung in unsern staatlichen Verhältnissen herbeiführen sollte: 1766.... Alles, was uns das Jahr 1773 gebracht hat, ist vorgebildet und angebahnt wiederum in einem Jahre, das im nächsten Säculum dazu ausersehen war, Deutschlands Größe zu bezeichnen: 1770.
-- Bernhard Suphan, "Shakespeare im Anbruch der klassischen Zeit unserer Literatur," Shakespeare Jahrbuch 25 (1890): 2, 8.
[12] Als die Zeiten sich erfüllten, das Volk der Reformation in Dichtung und Wissenschaft seine Selbstbefreiung endgültig vollzog und deutsche Literatur die Kraft gewann, sich zu einer geistigen Weltmacht aufzuschwingen, da waren es wiederum zwei Werke der Uebersetzungskunst, welche in die Entfaltung dieser Kraft gewaltig fördernd eingriffen. Der deutsche Homer [Voß] ließ das Alterthum für uns jung aufleben; der deutsche Shakespeare ["Schlegel-Tieck"] trat in Bund mit unsern heimischen Meistern, um vereint mit ihnen Reichthum und Tiefe der neueren Dichtung zu erschließen....
-- Michael Bernays, "Nachwort" zur 2. Auflage seiner Ausgabe von "Schlegel-Tieck," 1891 [nach dem Abdruck in Preußische Jahrbücher 68 (1891): 567-68].
Mit Recht hat man Deutschland Shakspeare's zweites Vaterland genannt. Deutschland ist Pfleger und Mehrer seines Ruhmes geworden, der recht eigentlich auf dem fruchtbaren Boden des deutschen Geistes zu seiner vollen weltbeherrschenden Höhe herangewachsen ist und täglich höher wächst.
-- Adolph Stahr, "Shakspeare in Deutschland," Literarisches Taschenbuch 1 (1843): 3.
Es ist fortan nicht erlaubt, den deutschen Shakespeare ein Erzeugniß der romantischen Schule zu nennen. Uns gilt er vielmehr als eine von den vielen Früchten jener Verbindung von Wissenschaft und Dichtung, die sich zum unvergänglichen Ruhme des deutschen Geistes in unserer classischen Litteratur vollzogen hat.
-- Michael Bernays, Zur Entstehungsgeschichte des Schlegelschen Shakespeare, 1872: 248-49.
Return to "Der klassische deutsche Shakespeare" / Deutschland als "geistige Weltmacht"
Return to Ken Larson Home Page
This page belongs to Ken Larson, who is solely responsible for its content. Please see our statement of responsibility.